„Brückensturz“ der „Mutter Erde“-Figuren: Interview mit Alexander Tschugguel

 

Mit seinem „Brückensturz“ der während der Amazonas-Synode bekanntgewordenen „Mutter Erde“-Figuren, spaltete er die Gemüter unter uns Katholiken. Während er von den einen als Held gefeiert wird, finden andere seinen Diebstahl skandalös und empörend oder eine Respektlosigkeit gegen indigenes Kulturgut. Innerhalb des Pontifex-Netzwerks selbst haben die Tat und ihre Veröffentlichung zu langen Diskussionen geführt.
Der Name „Initiative Pontifex“ bedeutet für uns zum Einen Treue zu Kirche und Papst und zum Anderen Dialog und Verständigung. Im Sinne der „Caritas in Veritate“ (Liebe in Wahrheit) möchten wir zur Klärung der Ereignisse rund um die Synode sowie zu den Motiven beitragen. Wir haben daher Alexander Tschugguel nach den Hintergründen, Reaktionen und Rechtfertigungen seiner Tat gefragt.

Das Interview spiegelt die Ansichten des Befragten wieder und nicht unbedingt die der Initiative Pontifex.

Alexander, Deine provokante Aktion hat die Gemüter gespalten. Einige danken Dir, dass Du etwas geklärt, oder „bereinigt“ hast, oder Position bezogen hast - andere kritisieren es.

Sie sagen, dass es Diebstahl war, oder Sachbeschädigung. Diebstahl ist es ja nicht wirklich, ich habe mich daran ja nicht bereichert. Wenn, dann könnte man wahrscheinlich Sachbeschädigung dazu sagen. Das halte ich jedoch auch für unwahrscheinlich, denn bei Sachbeschädigung müsste sich jetzt erst mal ein Geschädigter melden. Das heißt:. durch eine Anzeige gegen mich würde herauskommen, wem die Statuen überhaupt gehört haben, im juristischen Sinne. Ich habe das auch nicht für meinen Ruhm gemacht, sondern weil ich der Meinung bin: es ist einfach nicht richtig, dass die Figuren in der Kirche gestanden haben. Das haben die meisten auch richtig verstanden und sich nicht auf mich, sondern auf die Aktion selbst bezogen und da eben eine Kritik oder ein Lob ausgesprochen.

Man könnte kritisieren, dass Du mit Deiner Aktion die indigenen Völker in ihrer religiösen Ausdrucksform angegriffen hast.

Nein, das würde ich nie tun. Die kulturelle Ausdrucksform eines bestimmten Volkes ist für mich etwas wahnsinnig Wertvolles. Ich finde es immer sehr schön, wenn man sich zum Beispiel die asiatischen Muttergottes-Darstellungen ansieht, wo Maria mit Kimono dargestellt wird, oder die Muttergottes von Guadalupe, die das beste Beispiel ist für eine indigene Muttergottes. Sie ist ja die Schutzpatronin für die Indigenen in Südamerika. Ich schätze sie sehr und ich würde so etwas nie verurteilen. Was ich hingegen zurückweise ist eine falsche Vermengung. Man kann nicht heidnische Elemente in die Liturgie einmischen und glauben, dass es das Selbe ist.

Du warst während der Amazonas-Synode in Rom, hast die Figuren gesehen, bist nach Wien zurückgekehrt, hast in Wien die Entscheidung zu dieser Aktion gefällt und mit einem Zweiten den Flug nach Rom gebucht. Hast Du Dich nach dem ersten Rom-Aufenthalt über die Figuren informiert?

Ja. Die Figuren selbst sind in dieser Form in Brasilien gar nicht vorhanden. Ich habe recht viele brasilianische Freunde, auch einige, die sich mit indigenen Kulturen sehr gut auskennen und selbst aus dieser Kultur kommen und die mir etwas Auskunft geben konnten. „Pachamama“ sagte ihnen meistens nichts, weil sie selbst andere Gottheiten der Erde hatten und diese anders hießen. Die „Pachamama“ ist eigentlich eine alte Gottheit aus den Anden. Dieser Begriff hat sich dennoch durchgesetzt, weil er von einigen Leuten um die Synode herum benutzt worden ist. Wer als erster von „Pachamama“ gesprochen hat ist schwer zu sagen. Es soll eine gemeinsame Religion sein, die es so aber nicht gibt, denn es sind ja verschiedene Stämme mit unterschiedlichem Glauben und Gebräuchen. Vor einem halben Jahr war der Begriff „Pachamama“ auch noch gar nicht bekannt und keiner wusste davon. Es ist ein künstlicher Begriff, der hochgekommen ist, um der Mutter Erde-Darstellung einen Namen zu geben. Das Symbol dieser ganzen Geschichte ist eben diese kleine Holzstatue, die eben plötzlich für alles stehen soll, was die Indigenen machen.

Würdest Du sagen, dass Du eine klare Unterscheidung zwischen dem, was für Dich ein Götzenbild ist und dem was vielleicht eine für uns ungewohnte Form des Katholischen sein könnte, gemacht hast? In der Kirche waren wohl auch andere Gegenstände?

Ja. Die anderen Gegenstände in Santa Maria in Traspontina konnte ich nicht beurteilen. Bei den „Pachamama“-Figuren kann man davon ausgehen, dass es Götzenbilder sind, denn sie wurden ja von offizieller Seite als „Pachamamas“ bezeichnet. Bei vielen der anderen Gegenstände hätte es sein können, dass sie für etwas Bestimmtes benutzt oder gebraucht werden – ich will den Leuten ja wirklich keinen Schaden zufügen. Die „Pachamama“-Figuren hingegen waren Gegenstand der Verehrung und daher wollte ich sie eben rausholen.
Ich habe ich mit den Volontären in dieser Kirche über die Statuen gesprochen. Sie haben mir erzählt, dass das ein Fruchtbarkeitssymbol oder ein Symbol für Mutter Erde ist. Mutter Erde ist ein Begriff, der für Christen aus philosophischen und theologischen Gründen zutiefst abgelehnt werden muss, da er ein klassisches Symbol für das Heidentum ist. Alle heidnischen Religionen haben sich lange Zeit darüber definiert, dass sie Entitäten wie Mutter Erde oder einen Gott der Sonne, Gott des Mondes etc. kennen. Das ist – ganz ohne Wertung – das, was heidnische Religion ausmacht.
Eine Statue symbolisiert aber generell. Wenn ich eine Gottesmutter-Figur sehe, ist das nicht die Gottesmutter selbst, sondern eine Statue der Gottesmutter. Und wenn ich vor der Statue der Gottesmutter eine Blume hinlege, lege ich sie nicht als Geschenk an ein Stück Holz sondern als Gabe für die Gottesmutter hin.

Wie stehst Du dazu: was, wenn der Stil Deiner Aktion Nachahmung findet; wenn Leute Dinge aus Kirchen entwenden, die ihrer Meinung nach nicht hinein passen?

Davon halte ich nichts. Ich möchte keine Pauschalurteile fällen...aber wenn jetzt jeder glaubt, dass er einfach in eine Kirche gehen kann und das, was ihm nicht gefällt raushauen kann – nein, das ist nicht möglich! Es gibt an vielen Orten Ausdrucksformen, die ich für völlig fehl am Platz halte, z.B. manche moderne Kunst in der Kirche. Aber man kann da nicht reingehen und randalieren!
Bei den „Pachamama“-Statuen war es glaube ich deshalb erlaubt, diese aus der Kirche zu entfernen, weil genau diese Statuen, die ich rausgenommen habe Gegenstand der Verehrung bei einem heidnischen Ritual waren. Und das ist so eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass ich glaube und hoffe und dafür bete, dass es gerechtfertigt war, diese Statuen hier rauszuholen und in den Tiber zu werfen.

Das Institut, das Du mit Freunden gerade gegründet hast, wurde nach dem heiligen Missionar Bonifatius benannt. Im Vergleich zu Eurer Aktion fällt auf, dass der Heilige Bonifatius die Donareiche mit einer ganz klaren Zielsetzung umschlug. Er wollte die „Heiden“ von der Machtlosigkeit Donars überzeugen und sie zum Christentum bringen. Nun zu Euch: an wen richtete sich die Aktion?

Der Heilige Bonifatius ist für uns ein Vorbild, wir vergleichen uns nicht mit ihm. Der Heilige Bonifatius hat das angesichts von Leuten getan, die mit Schwert und Axt neben ihm standen und bereit waren, ihn niederzumetzeln. Insofern ist er ein fantastisches Vorbild. Es ist wichtig zu erwähnen: Er hat eine Kapelle aus der Eiche gebaut. Unsere Aktion war kein billiger Aktionismus: wir wollten verhindern, dass heidnische Statuen in einer katholischen Kirche Platz haben, womit – unserer Meinung nach – tatsächlich Gott beleidigt wird.

Es war also kein konkreter Angriff eines katholischen Underground-Dunkelmanns gegen den Hl. Vater?

Nein, nein, nein – null. Ich bin schon katholisch und auch traditionell, aber ich will weder Underground, noch Dunkelmann sein, denn ich bin der Meinung als Katholiken kämpfen wir mit offenem Visier.
Das Einzige, was ich danach immer gesagt habe und wozu ich noch immer stehe ist Folgendes. Bei der Synode wurden Dinge gesagt, die überhaupt nicht den Ansichten und dem Glauben eines Großteils der gläubigen Katholiken entsprechen. Ein Nebeneffekt meiner Aktion war wahrscheinlich, dass der Heilige Vater – dem die Synode ja zur Beratung dienen soll – merkt, dass es unter den Gläubigen Leute gibt, die nicht mit allem einverstanden sind.
Das Hauptziel aber war und ist und wird immer sein: wir wollen nicht, dass Gott beleidigt wird. In der Bibel steht: „Gott ist ein eifersüchtiger Gott“ – Gott muss sehen, dass die Gläubigen das nicht wollen. Ich fand es wirklich furchtbar, dass die Figuren da drinnen standen – ich sage das ganz ehrlich. Mich hat das wirklich fertig gemacht.

Die Spaltung, die diese Aktion sowie andere mediale Aussagen und Ereignisse im Kontext der Synode zutage gebracht haben, befördert kirchliche Uneinigkeit. Wo siehst Du Möglichkeiten der Vermittlung zwischen z.B. Dir und Bischof Erwin Kräutler, der eine Integrierung der Figuren in die katholische Liturgie für möglich hält. Wo liegen die Chancen für die "una sancta"?

Für die „una sancta“ liegen die Chancen immer in der Nachfolge Christi. Es ist ganz einfach, wenn wir die Augen auf Christus richten, auf das was er uns gesagt hat, dann kann daraus ausschließlich Einheit hervorgehen, denn Gott ist eins. Das schönste und beste Beispiel ist die Dreifaltigkeit – drei Personen in einer. Man kann sie zwar nicht gut erklären – aber das ist es.
Wenn wir indigene und andere Kulturen, die noch nicht christianisiert sind, in die Kirche einbinden wollen, muss das durch eine authentische Mission passieren. Und eine authentische Mission bedeutet Folgendes: Missionare, die bereit sind, ihr Leben für diese Mission hinzugeben; sich die Kultur vor Ort anschauen; die Sprache zu begreifen; die Art und Weise, wie die Menschen denken; mit ihnen Zeit verbringen etc. ohne gleichzeitig von der Lehre Christi abzuweichen. So gewinnen Missionare nach und nach den Respekt der Einheimischen und die Einheimischen werden sich leichter für den christlichen Glauben interessieren. Und wenn sie mal die Botschaft Christi mit offenem Herzen empfangen haben, wird Christus selber arbeiten. Das kann nur Christus bewirken, das können nicht wir bewirken.
Das heißt, man muss aus der Geschichte und der Praxis erkennen, dass es immer dann Spaltung gibt, wenn man Christus nicht folgt. Und dass es dort keine Spaltung gibt, wo man Gott folgt. Die Lösung kann nur Einheit in Gott sein und nicht ‚ohne, trotz oder neben‘ Gott.

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