Die Radikalität des Maßhaltens

 

Von Reinhild E. Rössler

Wir befinden uns in einem Kulturkampf. Das schon seit einiger Zeit, aber spätestens jetzt sollten wir langsam verstanden haben, dass wir ihn verloren haben. Alle wichtigen Schlachten auf dem Spielfeld der Politik sind geschlagen und verloren. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste große Niederlage droht. Das klingt furchtbar negativ und resignierend - ist es aber eigentlich nicht. Es ist vielleicht sogar eine Chance für uns zu einem Neuanfang, die in der Erkenntnis ihre Wurzel hat, dass der Kampf den wir kämpfen ein geistlicher Kampf ist.

Es geht nicht mehr darum, dass wir in einer christlichen Gesellschaft leben - denn das tun wir nicht mehr. Es geht darum, ob Christus in seiner Botschaft und in seiner Kirche, das heißt in unseren Seelen existent ist und ob das in unserem Leben und in unseren Familien bemerkbar ist. Das klingt weniger heroisch, als auf dem Schlachtfeld öffentlicher Diskussionen zu kämpfen, ist aber in unserer Zeit wesentlich.

Eine der besten Anleitungen, wie man diesen Kampf führen kann, hat uns der heutige Tagesheilige vor über 1500 Jahren hinterlassen, als Benedikt von Nursia die Regula Benedicti schrieb. Über die letzten Jahrhunderte haben die Menschen, die diese Regel nicht nur bis ins letzte verinnerlicht, sondern lebendig gemacht haben, den geistigen Kampf für uns gekämpft. Die Mönche und Nonnen, die unbemerkt über hunderte von Jahren den alten schweren Apparat der Kirche am Leben erhalten haben, sind jetzt wieder unser Rettungsanker, weil sie für uns die Anleitung dafür bewahrt haben, was wir in Zeiten wie diesen tun können.

Benedikt von Nursia war in gewisser Weise ein „Radikaler Gemäßigter“. Er wollte nicht 50% Christus nachfolgen, sondern 100%. Sein Leben, das uns der Heilige Papst Gregor in seinen Dialogen vermittelte erzählt auch von Phasen, in denen er als Asket 150% gegeben hat. Aber Gott hat ihn davon abgehalten, er hatte etwas anderes vor: sein Schlüssel für den Weg zur Heiligkeit ist es eben, genau die 100% zu treffen. Das Leben so auszurichten, dass es das richtige Maß hat. Das ganze Leben muss dem Menschen angemessen sein, sei es die Kleidung, die "Work-Life-Balance", das Gebetsleben oder das Essen. Gott will uns nicht dadurch zur Heiligkeit bringen, dass wir uns gegen unsere eigene Natur stellen. Vielmehr hat er unsere Natur so geschaffen, dass sie, wenn wir ihr entsprechend leben uns immer zu Gott, ihrem Ursprung führt. Daher müssen wir sie nur finden, unsere von Gott geschaffene Natur, und nach ihr leben.

Diese ganz einfache und doch geniale Idee, ist der Ausgangspunkt für die Regula Benedicti. Die Regel dient zu nichts Anderem, als den Rahmen für ein Leben zu schaffen, das der menschlichen Natur in ihrem tiefsten Wesen entspricht. Genau deshalb ist die Regel Benedikts keineswegs nur für Mönche und Nonnen von Bedeutung. Sie bietet einen Leitfaden dafür, 100% zu geben, zu 100% Christ zu sein und genau dort, genau so wie man es kann, seinen Teil des geistlichen Kampfes zu kämpfen. Deshalb sollte sie auf jedem Nachttisch liegen und zumindest heute am Festtag des Heiligen Benedikt (nochmals) gelesen werden. Dann kann Benedikt mit seiner Regel auch in unserer verrückten Zeit wieder einmal zum Retter Europas und der Kirche werden.

Bitte für uns, Heiliger Benedikt von Nursia!

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