Verstummte Sehnsucht

 

Warum die Jugend die Kirche wirklich braucht - echt, wahr und schön.

von Reinhild E. Rössler

Die Vorbereitungen zur Bischofssynode im Herbst gehen langsam in die heiße Phase. Die Fragebögen, in denen wir über unsere social-media Nutzung, unsere Vorstellungen von Vereinbarkeit von Familie und Beruf, über unsere Beziehungen und Sexualität oder die Häufigkeit und Art unserer Mediennutzung berichten konnten, sind mittlerweile schon bei den deutschen Bischöfen eingetroffen und haben diese mit der erstaunlichen Wahrheit konfrontiert, dass die Kirche nicht einmal mehr für den Großteil der Verbandskatholiken die maßgebliche Instanz ihres Lebensdesigns ist.

Jetzt werden in der nächsten Phase die Stimmen der haupt- und nebenberuflichen deutschen Katholiken laut, die wie üblich die Anpassung des spirituell-moralischen Angebots der Kirche an die Lebensumstände der Menschen fordern, nach der bestechenden Formel: Wenn wir nur das lehren, was sie leben, dann leben sie auch wieder, was wir lehren. Durchaus überzeugend, allerdings würde sich die Kirche damit für diese Menschen überflüssig machen.

Die Statistik zwingt uns zum ehrlichen Eingeständnis: unsere Jugend besteht zu einem großen Teil aus psychischen Wracks. Fast 20% aller Jugendlichen litt oder leidet an einer Depression, jeden zweiten Tag bringt sich in Deutschland ein Jugendlicher um, eine Drittelmillionen Jugendliche sind internetsüchtig, über die Hälfe aller 13-jährigen hatten schon einmal Kontakt mit Pornographie – bei unter 17-jährigen sind es 93% mehr als 60% der jugendlichen Jungs konsumieren mindestens wöchentlich Pornographie. Ein Viertel aller 11-jährigen und über ein Drittel aller 16-jährigen Mädchen haben Essstörungen. Ablenkung ist der Schlüssel zum Überleben. Sei es durch Drogen, Musik, Sex, dem Besser-als-die-anderen-Sein, Erfolg im Beruf, Geld, Einfluss, Ansehen oder Aussehen. Das sind unsere Lebensumstände. Das sind vor allem die Lebensumstände derer, die mit Sicherheit keinen Fragebogen der Kirche ausfüllen.

Und die Kirche, der Glaube? Dort wo er in Familien noch zugegen ist, ist das Leid oft geringer, gibt es Lichtblicke, dass es noch mehr geben kann. Dort gibt es den Mut, Entscheidungen zu treffen das Leben zu ändern, sich zu ändern und die Hoffnung, dass nicht alles egal ist. Das ist kein Selbstläufer und gerade, wenn wir versuchen wollen, es richtig zu machen, ist es einfach nur verdammt schwer. Sicher war es das immer. Aber alles in unserer Zeit scheint uns losreißen zu wollen von diesem Weg, der Christus ist. Jeder Blick, jeder Klick.

Aber unsere Generation hat einen großen Vorteil und eine Hoffnung, die für die Kirche ein Ansatz sein kann, die Jugend auf den Weg zu Gott zu bringen: sie hat Sehnsucht. Wir wissen vielleicht nicht genau, worauf sich diese Sehnsucht richtet, wir machen uns oft was vor, oder versuchen diese zu verdrängen, aber einige Menschen dieser Generation haben eine echte, tragische, schmerzhafte Sehnsucht danach, dass es etwas gibt, was besser, echter, schöner ist als unsere Realität. Und hier wird die Kirche, wird Christus gebraucht. Nicht als vorrangig innerweltliches Sozialinstitut zur Verbesserung der Lebensbedingungen, nicht als intellektuelle Moralinstanz, sondern als lebendig gewordene Erzählung von der Wirklichkeit des Paradieses. Eine Stimme, die dem Einzelnen davon erzählt, dass sein individuelles Dasein einen spezifischen Sinn hat, dass er eine Knospe ist, die dafür gemacht ist, sich der Sonne zu öffnen.

Es wirkt immer seltsam, Forderungen an "die Kirche" zu stellen, denn die mystische Kirche ist heilig und perfekt und die kämpfende Kirche sind wir selbst. Aber ich habe eine Zuversicht, dass wir als Kirche jungen Menschen Hoffnung geben können. Ein Bild in dem die Kirche eine in Liebe und Glauben geeinte, starke Gemeinschaft ist. Eine Gemeinschaft, die aus starken Familien besteht, die den Glauben ernst und fröhlich zugleich leben, aus denen überzeugende, faszinierende, charismatische und tiefgläubige Priester hervorgehen, die offen sind für alle Menschen und bereit, diese wenn nötig auch Missfallen erntend auf dem Weg zum Paradies zu führen. Eine Kirche, die voller Schönheit durch die Liturgie, Kunst, Architektur und Musik ein Bild des Paradieses in der Welt malt. Eine mutige, frohe, standhafte, einige und liebende Kirche, die uns die Angst davor nimmt, das Paradies in dieser Welt finden zu müssen.
Wir brauchen eine solche Kirche – es ist so hart, das Ziel und den Weg nicht aus den Augen zu verlieren, wir brauchen nichts weniger als eine Kirche, die in Christus unsere Verletzungen heilt, unsere tiefsten Sehnsüchte stillt und uns Hoffnung gibt.
Natürlich ist das kein einfaches Erfolgsrezept, das die Kirchen sofort wieder füllt und die Jugend auf der Stelle bekehrt. Es ist nur ein Angebot: aber das attraktivste auf dem Markt, denn es kommt von Gott.

Lieber Heiliger Vater, liebe Bischöfe, wir Jugendlichen bitten euch darum, uns und unserer Generation zwischen all den Ablenkungen und Verletzungen, die uns ermüden und lähmen, leuchtend und lebendig das zu zeigen, was unser Zweck und Ziel sein kann - holt unsere Geschwister, die Christus nicht kennen, heraus aus ihrer Angst vor dem Leben!
Wir bitten Euch darum, dass ihr uns Christen dabei helft in dieser so schwierigen Zeit die Richtung zu weisen und standhaft zu bleiben in unserer Entscheidung, den Weg Christi zu gehen. Ihr könnt dabei auf uns bauen, in Tat und Gebet!

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