Der Leib blutet

Es ist ein schwieriges Fest, dass wir heute feiern. Es erzählt keine Geschichte, es gedenkt nicht einer Person. Es ist das Fest eines Geheimnisses - und noch dazu eines ziemlich komplizierten. Das "Fest des Leibes und Blutes unseres Herrn" ist neben Gründonnerstag das Fest der Eucharistie, das Fest der Kommunion. Neben der tiefen, kaum verständlichen und mystischen Bedeutung der tatsächlichen Gegenwart Gottes in dieser Materie des Brotes, liegt eine weitere, vielleicht viel einfacherer Bedeutung darin, nämlich die Communio, die Gemeinschaft aller Christen in diesem Sakrament. Hier ist sicherlich nicht der Gebrauch von Gemeinschaft gemeint, der diese auf eine auf Emotionen beruhende Verbindung beschränkt. Nein, es geht hier um eine wesenhaft existente und von menschlichen Gefühlen völlig unabhängige Gemeinschaft.

Die Bezeichnung der Gemeinschaft als "Leib Christi" ist zwar zunächst ein Bild, ein Gleichnis, vielleicht eine Allegorie, aber gleichzeitig auch die Übersetzung von etwas immateriell existenten in eine materielle Vorstellungswelt. Dadurch, dass wir Christus empfangen, werden wir gleichzeitig zu einem Teil dieses Leibes und sind damit untereinander genau so verbunden wie unsere Leber mit unserer Lunge. Jeder Christ weiß, dass das geschrieben weitaus romantischer klingt, als es in der Realität ist. Vor allem, weil "zu einem Leib gehören" nicht nur bedeutet, gemeinsam irgendwie funktionieren zu müssen, sondern auch, dass wenn der Oberarm angeknackst ist, auch der Unterarm nicht mehr richtig eingesetzt werden kann.
Und das unterscheidet uns von den anderen. Christen sind nicht eine Interessensgemeinschaft, auch keine politische Gemeinschaft, oder eine ethnische Gemeinschaft. Egal, wo wir herkommen, welche Interessen wir haben, wie wir denken - wir sind ein Körper. Wenn wir sehen, dass andere Menschen leiden, leiden wir mit ihnen mit und versuchen, oder sollten versuchen, ihnen wenn es geht zu helfen. Wenn aber Christen leiden, dann ist es unser Körper, der betroffen ist, dann sind wir selbst verletzt. Dann leidet der Leib Christi. Und er tut es zur Zeit - sogar sehr. Christen bluten heute wortwörtlich. Es ist eine der schwierigsten Anforderungen unseres Lebens, damit umzugehen. Aus dem zerschundenen Leib Christi ist das Blut geflossen, dass uns erlöst hat und aus dem die Kirche hervorgegangen ist, aus dem Leiden Christi ist für uns das Paradies wieder greifbar geworden.

Von Reinhild Rössler

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