Interview mit Robert Grözinger

Am 10. Juli findet unsere diesjährige Soiree mit dem Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg in Bonn statt. Dieses Jahr zum Thema: Diese Wirtschaft tötet" - Die Umweltenzyklika 'Laudato Si' und ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit".

Im Vorfeld der Veranstaltung haben wir Robert Grözinger zum Thema Christentum und Marktwirtschaft befragt: Was hat Christentum mit Wirtschaft zu tun? Inwieweit berührt die Religion auch wirtschaftliche Fragen? Und entspricht unser Wirtschaftssystem den biblischen Grundsätzen? - Robert Grözinger, selbst Christ, hat sich in verschiedenen Publikationen mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Hendrikje Machate hat ihn für uns interviewt.

 

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem provokanten Titel „Jesus, der Kapitalist“ – Was macht Jesus Christus zu einem Kapitalisten?

Jesus ist Teil des dreieinigen Gottes. Gott der Vater hat die Welt aus dem Nichts geschaffen. Nicht unähnlich verfährt ein Kapitalist, der eine Vision hat und diese bewusst verwirklicht. Natürlich gibt es Unterschiede: Erstens kann ein Kapitalist nichts aus dem Nichts schaffen, sondern muss mit dem Rohmaterial der Schöpfung vorlieb nehmen. Zweitens kann ein Kapitalist Fehler machen, sich verspekulieren. Aber das Prinzip, selber etwas neues zu schaffen, ist das gleiche. Gott der Sohn heilt uns von den Folgen unserer Unzulänglichkeiten. Und der Kapitalismus ist – besser als alle anderen Wirtschaftssysteme – geeignet, uns alle allmählich aus Armut und Elend herauszuziehen. Das „Wirtschaftswunder“ war zwar kein wie von Jesus Christus vollbrachtes Wunder, ist aber dennoch keine Fehlbezeichnung: Wohlstand entstand in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg scheinbar aus dem Nichts, nachdem Preise freigegeben und andere Regulierungen abgeschafft worden waren. Gott der Heilige Geist schließlich verbindet uns miteinander zu einer Gemeinde – im Kapitalismus wirkt das Prinzip des Handels auf der Grundlage gegenseitigen Vorteils. Und dieses Prinzip verbindet die Menschen friedlich miteinander. Das wussten die alten Griechen offenbar auch schon, deren Wort für „austauschen“, „catalassein“, gleichzeitig bedeutet: „aus einem Feind einen Freund machen“.

 

Welche Hinweise auf eine gute Wirtschaftsordnung liefert die Bibel?

Die Bibel ist ein äußerst prokapitalistisches Buch. Sie fußt auf der Grundlage des Eigentumsprinzips: Gott ist demnach der Eigentümer der Welt. Er überträgt jedem von uns ein Teil dieses Eigentums auf Zeit. Er stellt Regeln wie die zehn Gebote auf, die uns den korrekten Umgang mit der Schöpfung lehren. Er verspricht Belohnungen für die Einhaltung der Regeln und Bestrafung für ihre Missachtung – sowohl individuell, als auch für ganze Nationen. Am einfachsten ist der Zusammenhang mit einer Wirtschaftsordnung anhand der Gebote „du sollst nicht stehlen“ und „du sollst nicht lügen“ zu erkennen. Diese beiden bedeuten nämlich: wir sollen anderer Leute Eigentum achten und Verträge einhalten. Sozialismus ist mit diesen Geboten jedenfalls nicht in Übereinstimmung zu bringen, wenn er nicht rein auf freiwilliger Teilnahme beruht.
Leider wenden sich viele in solchen Fällen ausgerechnet an den Staat im Glauben, dass dieser die Quelle der wirtschaftlichen und sozialen Gerechtigkeit ist. Aber auch hier warnt uns die Bibel. Allen voran mit dem ersten Gebot: „Du sollst keinen anderen Gott gleich mir haben.“ Der Prophet Samuel warnt die Hebräer, die sich einen König wünschen, dass dieser ihnen einen Großteil ihres Produktionspotentials rauben und von den mageren verbliebenen Einkünften auch noch den Zehnten nehmen wird. Der heutige Staat greift weitaus heftiger in das Leben der Bürger ein als die damaligen Könige. Er ist zu einem Ersatzgott aufgestiegen.

 

Inwiefern gehören Christentum und Marktwirtschaft zusammen?

Jesus bekräftigt die alttestamentarischen Gebote in ihrem Wesensgehalt. In seinen Gleichnissen werden marktwirtschaftliche Prinzipien hochgehalten und gefeiert. Im Gleichnis von den Talenten werden die produktiven Diener belohnt, der unproduktive bestraft. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg wird bekräftigt, dass der Eigentümer mit seinem Eigentum tun kann, was er will – mit der wichtigen Einschränkung, dass er den göttlichen – nicht staatlichen – Geboten gehorchen muss. Also gibt er allen Arbeitern, „was recht ist“, obwohl einige Arbeiter das für ungerecht halten. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn ist der Vater, der symbolisch für Gott steht, ein reicher Großgrundbesitzer. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter hätte der Reisende beim besten Willen nicht überlebt, wenn nicht der Wirt sein Kapital gegen Bezahlung zur Verfügung gestellt hätte. Die Geschichte des Samariters kann übrigens nicht als Modell für den Sozialstaat herangezogen werden, denn seine Hilfe ist rein freiwillig.

Auch historisch, nicht nur theologisch, lässt sich der Zusammenhang von Christentum und Marktwirtschaft bzw. Kapitalismus nachweisen. Nach Zusammenbruch des Römischen Reiches war es im wesentlichen die Trennung von Thron und Altar, die bis vor kurzem – vor der EU – ein dauerhaftes Wiedererstehen eines europäischen Imperiums verhinderte. Somit entstand in Europa ein Flickenteppich überlappender konkurrierender Systeme, was der wirtschaftlichen Freiheit und dem technischen Fortschritt zugute kam. Der Willkür der Herrscher waren Grenzen gesetzt, denn ihre Untertanen konnten sich ihr durch Abstimmung mit den Füßen entziehen. Der Glaube an einen rationalen Gott förderte rationales Denken in Wissenschaft und Wirtschaft. Der Glaube an einen linearen, begrenzten Zeitpfeil statt an der z.B. noch bei den Griechen üblichen zirkulären ewigen Wiederkehr förderte eine prokapitalistische Lebenseinstellung, im hier und jetzt das beste aus seinem Leben zu machen. All das trug entscheidend zur Entstehung einer freiheitlichen Wirtschaft bei.

 

Kann eine freie Marktwirtschaft ohne eine Ethik bzw. eine Wertebasis funktionieren?

Nein. Jedenfalls nicht vollständig ausgereift. Natürlich gibt es selbst in einer kommunistischen Diktatur noch eine Marktwirtschaft – im Untergrund – sonst würde sie in kürzester Zeit zusammenbrechen. Aber ohne Wertebasis herrscht hauptsächlich das Recht des Stärkeren, und das bedeutet Zwangsumverteilung. Im Grunde haben wir das heute schon in allen westlichen Staaten. Heutzutage ist der Stärkere derjenige, der sich mit wohlklingenden Versprechungen eine demokratische Mehrheit sichert. Zwei Dinge nur hindern die Skrupellosen unter uns noch daran, die Marktwirtschaft gänzlich zu unterdrücken: Die Erfahrung, dass man die Gans, die goldene Eier legt, besser nicht schlachtet, sondern einsperrt – und die Restbestände unseres in zwei Jahrtausenden aufgebauten ethischen Kapitals.

 

Papst Franziskus sagt: „Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel des sozialen Übels“. Ist der Papst etwa ein Kommunist?

Das ganz sicher nicht. Ein Kommunist glaubt nicht an Gott, sondern an die Fähigkeit des Menschen, ganz ohne Gott das Paradies auf Erden zu schaffen. Einen solchen Glauben kann man dem Papst nicht unterstellen. Aber das Zitat zeigt, dass er von sozialistischem Gedankengut beeinflusst ist, vermutlich über die in seinem Heimatkontinent noch immer aktiven Befreiungstheologen. Dem Zitat würde ich einen Bibelvers entgegenhalten: „Die Liebe zum Geld ist eine Wurzel aller Übel.“ Der Versuch, die Ungleichverteilung der Einkünfte per Zwang zu verändern ist ein Ausdruck dieser Liebe zum Geld. Denn vor dieser Zwangsumverteilung nach unten findet eine Zwangsumverteilung nach oben statt. Ich meine damit die Manipulation des Geldwertes durch die Zentralbanken und den ihnen angeschlossenen Geldinstituten. Ich meine also die Inflation. Es ist ermutigend, dass immer mehr Menschen Inflation als die Ursache der meisten Übel unserer Zeit verstehen. Und dass sie lernen, dass weder Kommunismus noch Sozialismus dieses Übel abschaffen, sondern im Gegenteil verstärken werden. Daher wird auch der Papst irgendwann seinen Flirt mit dem Marxismus aufgeben und sich zum Grundübel der Inflation äußern müssen. Wenn nicht dieser, dann einer seiner Nachfolger. Er würde sich dann der katholischen Tradition der Scholastiker anschließen, die dieses Übel und seine Bedeutung schon im 14. Jahrhundert korrekt identifiziert hatten.

 

Zur Person:

robert_groezinger_tutor.jpgJahrgang 1965, Diplom-Ökonom. Studium in Braunschweig und Hannover. Übersetzer mehrerer Bücher, unter anderem: "Demokratie - der Gott, der keiner ist" von Hans-Hermann Hoppe und "Die Tragödie des Euro" von Philipp Bagus. Regelmäßiger Autor von Artikeln und Kommentaren für das Magazin "eigentümlich frei". Autor der Bücher "Wer ist Ron Paul? Der Kandidat aus dem Internet" und "Jesus, der Kapitalist - Das christliche Herz der Marktwirtschaft". Gegenwärtig Wirtschaftslehrer an einer Privatschule in Bath, England. Verheiratet, zwei Kinder.

 
 

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